Eine Besucherin steht rechts unten am Rand eines riesigen Gemäldes mit stürzenden Körpern und reicht kaum bis zu seiner Unterkante
Vor Ort · Geschichte 24 · 2. Oktober 2026

Vier, die geblieben sind

GedankeBegegnung
Diese Geschichte knüpft an: Die zweite Geschichte von der NordArt: das, was danach noch da war.
Gedanke

Viele Arbeiten der NordArt kann man sich vorher als Abbildung ansehen, im Katalog, auf der Website, im Feed. Das ist praktisch, und trotzdem fahre ich immer wieder hin. Eine Abbildung zeigt mir, was auf einem Bild ist. Vor dem Original merke ich, was es mit mir macht, und das ist erstaunlich oft etwas anderes. Größe zum Beispiel lässt sich auf einem Bildschirm nur behaupten. In der Halle muss man zurücktreten, den Kopf heben, ein paar Schritte zur Seite gehen, und manchmal setzt man sich einfach hin.

Genau das finde ich jedes Mal wieder inspirierend: die vielen Arbeiten wirklich zu erleben, im selben Raum, mit dem eigenen Körper als Maßstab. Gerade als Fotograf, der selbst ständig Bilder für Bildschirme macht, tut mir das gut. Von den rund 200 Positionen in diesem Jahr sind mir vier besonders geblieben, und von denen erzählt diese Geschichte.

01
“Eine Abbildung zeigt mir, was auf einem Bild ist. Vor dem Original merke ich, was es mit mir macht.”
Zwei Gemälde: ineinander verschlungene Körper in grünem und in gelbem Stoff, Gesichter verborgen
Bego Riba, darunter Incubatio, 2025, Öl auf Leinwand · (Katalog) Die verdeckten Gesichter laden ein, eigene Emotionen auf das Bild zu übertragen.
Roman Thomas von hinten in einem weißen Ausstellungsraum vor drei Gemälden von Bego Riba mit Körpern in Rot, Grün und Gelb
Ich vor den Bildern von Bego Riba
Ein Paar steht vor einem Gemälde mit Körpern in rotem Stoff, links ein Fenster in die Halle
Bego Riba, darunter Incubatio, 2025, Öl auf Leinwand · (Katalog) Die verdeckten Gesichter laden ein, eigene Emotionen auf das Bild zu übertragen.
Drei Gemälde von Bego Riba an weißen Wänden, Körper in Rot, Grün und Gelb
Bego Riba, darunter Incubatio, 2025, Öl auf Leinwand · (Katalog) Die verdeckten Gesichter laden ein, eigene Emotionen auf das Bild zu übertragen.
Begegnung

Undine Bandelin wurde 1980 in Jena geboren und lebt in Leipzig. Ihr Triptychon „Das Tribunal“ ist 2026 entstanden, drei Tafeln in Öl und Acryl, jede 2,60 Meter hoch. Auf einer davon steht eine nackte Figur mit Hasenkopf, um sie herum drängen sich grüne Gestalten, und darüber reiht sich eine Galerie von Köpfen, als säße dort ein Publikum oder ein Gericht, so genau lässt sich das nicht sagen.

Das Bild ist bunt, fast vergnügt gemalt und dabei alles andere als gemütlich. Man weiß nicht recht, ob man über diese Szene lachen darf oder ob man gerade selbst mitverhandelt wird. Diese Unentschiedenheit gefällt mir. Davor habe ich ein kurzes Video gedreht, es steht weiter unten.

03
“Ein Hase steht in der Mitte, und alle anderen schauen hin.”
Hochformat: ein Gemälde mit einer nackten Figur mit Hasenkopf, umgeben von grünen Gestalten, darüber eine Reihe von Köpfen
Undine Bandelin, Das Tribunal, 2026, Mitteltafel des Triptychons · (Katalog) „Was als Urteil erscheint, ist vielleicht nur das Bedürfnis nach Gewissheit.“
Das riesige Gemälde Eye in the Sky an einer dunklen Wand, davor eine kleine Besuchergruppe
Eine Besucherin steht rechts am Rand des riesigen Gemäldes und reicht kaum bis zu seiner Unterkante
Ausschnitt aus dem Gemälde: ineinander stürzende Körper, ein Mensch mit ausgebreiteten Armen in hellem Licht
Das Gemälde in der Halle zwischen roten Stahlstützen, davor verteilt kleine Besuchergruppen
Links schweben silberne Metallwolken, rechts das große Gemälde, dazwischen die Halle
Das Gemälde am Ende der Halle, im Vordergrund ein Geländer und ein Netz aus Seilen unter dem Dach
Blick über eine alte Gießgrube mit Mauerresten auf das Gemälde am Ende der Halle
1 / 7
Eye in the SkyLiu Yaming, Das Auge am Himmel (Eye in the Sky), 2011–2015, Öl auf Leinwand, 9 × 12 Meter
Hochformat: zwei Besucherinnen sitzen klein vor dem riesigen Gemälde, daneben ein rostiger Stahlträger
Liu Yaming, Das Auge am Himmel (Eye in the Sky), 2011–2015, Öl auf Leinwand, 9 × 12 Meter
Die Kamera fährt an Undine Bandelins Gemälde entlang, eine nackte Figur mit Hasenkopf zwischen grünen Gestalten
Bewegtbild · 0:09
Die Kamera gleitet über Liu Yamings riesiges Gemälde mit stürzenden Körpern unter dem Hallendach
Bewegtbild · 0:07
Undine Bandelin, Das Tribunal, 2026, und Liu Yaming, Eye in the Sky, 2011 bis 2015
Begegnung

Die vierte Arbeit steht draußen im Park. Sie ist 2015 auf dem Symposium entstanden und gehört heute zu den Dauerexponaten. Ochirbold Ayurzana, 1976 in der Mongolei geboren, hat „Der Mensch ist kein Überfluss der Erde“ aus Stahldraht gebaut, 450 × 350 × 500 Zentimeter groß. Ein ovaler, rostbrauner Körper auf vier dünnen Beinen, schwer wie ein großes Tier und zugleich durchlässig wie ein Netz, durch das man Himmel und Bäume sieht.

Ochirbold hat 2019 den NordArt-Preis bekommen und 2024 die Mongolei auf der Biennale in Venedig vertreten. Mich lässt vor allem der Titel nicht los, der eine Frage stellt, ohne ein Fragezeichen zu brauchen: Welchen Platz nimmt der Mensch eigentlich ein, wenn er sich nicht ständig selbst zum Maß aller Dinge macht? Vor dieser Figur, die gleichzeitig da ist und nicht ganz, wirkt die Frage weniger theoretisch.

05
“Ein riesiger Körper, durch den man hindurchsehen kann.”
Ein riesiger ovaler Körper aus Stahldraht auf vier dünnen Beinen in einem rostigen Rahmen, Besucher im Hintergrund
Ochirbold Ayurzana, Der Mensch ist kein Überfluss der Erde, 2015, Stahldraht, NordArt-Symposium 2015
Nahaufnahme von unten: ein riesiger, ovaler Körper aus rostbraunem Stahldraht vor Bäumen und Himmel
Ochirbold Ayurzana, Der Mensch ist kein Überfluss der Erde, 2015, Stahldraht, NordArt-Symposium 2015
Die Drahtskulptur zwischen Bäumen hindurch gesehen, im Vordergrund ein dunkler Stamm und Steinstufen
Ochirbold Ayurzana, Der Mensch ist kein Überfluss der Erde, 2015, Stahldraht, NordArt-Symposium 2015
Spur

Natürlich bestand der Tag nicht nur aus vier Arbeiten. Dazwischen lagen Hallen voller Köpfe, Stoffbahnen, geschnitzter Figuren, gemalter Wälder und sehr vieler Menschen, die vor all dem stehen blieben. Manche fotografierten, andere setzten sich, ein Paar lehnte am Geländer und schaute. Ein paar dieser Momente habe ich mitgenommen.

Nahe Kamerafahrt über eine Oberfläche aus unzähligen Stahlringen, die das Licht spiegeln
Bewegtbild · 0:11
Die Kamera fährt an einem langen, farbigen Tafelbild mit vielen Figuren entlang
Bewegtbild · 0:12
Jang Yongsun, Dunkle Materie 1605, 2016 · Reynold Dela Cruz, Ein anderes Mahl auf dem Tisch, 2025
Ein Mann fotografiert eine Wandskulptur, einen nackten Oberkörper, der sich die Hände vors Gesicht hält
Durch ein Fenster in einer weißen Wand sieht man einen riesigen Kopf mit Schnurrbart, daneben einen Besucher
Ein großes Gemälde mit leeren Sitzen und einem Pfeil, daneben ein Blick in die lange Halle
Ein riesiger Kopf mit Schnurrbart auf einem Sockel, zwei Besucher stehen davor und schauen hinauf
Ein langes Panoramabild mit Wald und Tieren an blauen Wänden, davor Heu und eine Stahltreppe
Das Panoramabild im Detail, davor Baumstümpfe und Holzstücke auf Heu
Ein Gemälde mit einem springenden weißen Pferd und einem Mädchen in einer dunkelblauen Nische, rechts ein grünes Gitterobjekt
Blick von einer Galerie in die Halle, links hängende Gitterkugeln, rechts gerahmte Bilder an blauen Wänden
Eine Gruppe geschnitzter Holzfiguren, Menschen und Tiere, auf einem Kiesbett vor einer hellen Wand
Ein Gitterboden-Steg mit großen, rot gerahmten Bildtafeln, dahinter die lange Halle
Geschnitzte Holzköpfe und ein großer hölzerner Fuß auf Kies, dahinter weiße Stühle
Zwei frei stehende Bildtafeln in einer grünen Halle, auf einer eine Frau im dunklen Kleid, auf der anderen ein Mädchen
Zwei Besucher lehnen am Geländer, daneben ein Bild mit einem Stuhl und Kabeln, davor ein rotes Kabel auf dem Boden
Eine Besucherin im Profil vor einem Gemälde einer älteren Frau an einem grünen Tisch vor roter Tapete
Viele Stoffbahnen mit Gesichtern im Raum, dahinter Besucher in einer Tür
Eine Besucherin vor einem Gemälde mit einer Picknickszene im Grünen
Ein Gemälde mit Männern in blauen Trainingsanzügen beim Picknick vor rotem Hintergrund
Ein großes Bild mit dichtem grünem Farn und Waldboden an einer weißen Wand, rechts ein Pfeiler
Drei Bilder von bewegtem Wasser nebeneinander an einer weißen Wand, Besucher davor
Ein Mann steht in einem dunklen Raum vor einem Bild mit einer verschwommenen roten Form
Nahaufnahme einer hellen, verästelten Keramikskulptur mit Figuren, im Hintergrund unscharf ein Besucher
Zwei Porträtgemälde an einer weißen Wand, eine Frau mit gelblich gemaltem Gesicht und ein halb verdecktes Gesicht
Ein weißer Pavillon wie ein kleiner Tempel mit Säulen in der Halle, darin helle Figuren
Eine Stahltreppe und eine schwarze Wand mit Bildern in Blau und Gold, davor zwei Besucher
Drei gerahmte Bilder in kräftigen Farben in einem weißen Raum
Ein sehr breites, buntes Gemälde mit einer langen Tafel voller Figuren, ein Mann steht davor
Das breite, bunte Tafelbild aus der Entfernung, mehrere Besucher davor
Ein Mann fotografiert eine Wand voller kleinerer Bilder in hellen Farben
Ein Mann steht auf einem Steg vor einer Wandinstallation aus Brettern und Bildfragmenten
Zwei Frauen betrachten eine lange Zeichnung mit ineinander verschlungenen Körpern
Zwei farbintensive Gemälde an einer weißen Wand, ein Mann geht vorbei Richtung Hallentor
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Was sonst noch da warZhang Xian, Albtraum Nr. 4, 2012, Glasfaser, Silikon, Haare
Hochformat: eine Büste im Profil an einer Betonwand, darunter drei weiße Stühle
Zhang Xian, aus den Serien „Freunde“ und „Albtraum“
Hochformat: lange helle Stoffbahnen hängen von der Decke, unten auf jeder ein gemaltes Gesicht
Sylvie Wozniak, Hörst du nichts kommen, 2025, Öl auf Baumwollleinwand, 18-teilig, je 7 Meter lang
Hochformat: eine einzelne Stoffbahn mit einem schlafenden Gesicht, dahinter die Halle
Sylvie Wozniak, Hörst du nichts kommen, 2025, Öl auf Baumwollleinwand, 18-teilig, je 7 Meter lang
Hochformat: ein Gemälde mit mehreren Figuren in warmen Farben an einer weißen Wandecke
In den Hallen der Carlshütte
Hochformat: eine helle, rankenartige Skulptur hängt vor einer beleuchteten weißen Wand zwischen Stahlstützen
In den Hallen der Carlshütte
Hochformat: eine schmale, gedrehte Skulptur auf einem Stab, ihr Schatten an der Wand
In den Hallen der Carlshütte
Hochformat: eine Besucherin in bunt gemusterter Hose geht durch eine Folge weißer Türöffnungen
In den Hallen der Carlshütte
Hochformat: eine helle Figur auf einem weißen Sockel in einem weißen Raum, daneben fotografiert jemand
In den Hallen der Carlshütte
Hochformat: Nahaufnahme einer Oberfläche aus vielen kleinen, glänzenden Ringen in Rot, Blau und Weiß
Jang Yongsun, Dunkle Materie 1605, 2016, geflammter Edelstahl, NordArt-Symposium 2016 · „Meine Kunst beginnt mit der Frage: Wie definieren wir die Existenz?“
Hochformat: eine große, tropfenförmige Hülle aus geflochtenem Material hängt in der Halle, dahinter ein buntes Bild
Jang Yongsun, Dunkle Materie 1605, 2016, geflammter Edelstahl, NordArt-Symposium 2016 · „Meine Kunst beginnt mit der Frage: Wie definieren wir die Existenz?“
Gedanke

Die NordArt 2026 läuft noch bis zum 4. Oktober. Wer es nicht mehr schafft, bekommt im nächsten Sommer die nächste Gelegenheit, und ich fahre dann sehr wahrscheinlich wieder hin.