Wenn der Körper zur Bühne wird
Finnland leistet sich etwas Wunderbares: einen eigenen Feiertag für die Kunst. Der Tag der bildenden Kunst wird jedes Jahr am 10. Juli gefeiert, dem Geburtstag der Malerin Helene Schjerfbeck (1862 bis 1946), deren stille Selbstporträts bis heute zum Größten gehören, was die finnische Malerei hervorgebracht hat. Im ganzen Land entstehen an diesem Tag Kunstaktionen, offene Ateliers und gemeinsame kreative Begegnungen. Kunst wird hier nicht nur gezeigt, sie wird miteinander erlebt.
In Hämeenlinna lädt das Museo Skogster mitten in der Stadt zu einer offenen Croquis-Runde. Croquis heißt: schnelles Zeichnen nach Modell, kurze Posen, drei Minuten, dann die nächste. Wer mag, setzt sich dazu, bekommt Papier und fängt an. Um das Modell herum entstehen im Halbkreis viele sehr unterschiedliche Linien und Deutungen desselben Augenblicks.
Der Ort könnte nicht besser passen. Das Museo Skogster ist das Haupthaus des Hämeenlinnaer Stadtmuseums, und die Croquis-Runde findet mitten in der Ausstellung Yöperhoset, kimallusta ja kannanottoja statt, auf Deutsch etwa Nachtfalter, Glitzer und Haltung. Sie erzählt aus der Welt von Burlesque, Drag und Tanz, mit Bühnenbogen, Federumhängen und funkelnden Kostümen an Figurinen, und läuft noch bis Anfang Januar 2027. Veranstaltet wird sie gemeinsam vom Stadtmuseum, dem Künstlerverein der Stadt und Lady Misty May selbst. Zwischen den Vitrinen zu zeichnen, während das Thema der Ausstellung leibhaftig vor einem sitzt, hat eine eigene Dichte.
Hinter Lady Misty May steht die finnische Künstlerin Susanna Immonen aus Hattula, gleich vor den Toren Hämeenlinnas. Kennengelernt hat sie die Burlesque als Zuschauerin, als sie in England lebte. Seit 2015 arbeitet sie als Performerin, Stuhltänzerin, Kunstmodell, Lehrerin und Produzentin. Ihre Bühnenfigur ist eine elegante englische Aristokratin, deren perfekte Fassade in den humorvollen, erzählerischen Auftritten nach und nach zu bröckeln beginnt. Genau diese Doppelung macht sie als Modell so spannend: Wer sie zeichnet, zeichnet immer beide, die Figur und die Frau dahinter.
Und Burlesque bedeutet weit mehr als Verführung und glänzende Kostüme. Die Künstlerin entscheidet selbst, wie sie ihren Körper zeigt, was sie sichtbar macht und wo ihre Grenzen liegen. Übertreibung, Humor und Inszenierung hinterfragen klassische Vorstellungen von Weiblichkeit, Schönheit und dem Blick auf den weiblichen Körper. Der Körper ist hier kein passives Motiv, sondern Ausdrucksmittel, Bühne und selbstbestimmte Haltung zugleich. Für mich als Fotograf, der oft über Distanz und Würde nachdenkt, ist das ein Nachmittag zum Weiterdenken.
Mitorganisiert hat den Nachmittag der Künstlerverein der Stadt: die Hämeenlinnan Taiteilijaseura, gemeinsam mit dem Stadtmuseum und Lady Misty May. Der Verein besteht seit 1948 und hat seinen Werkraum in der alten Kunstkaserne Poltinaho an der Miehistönkatu 5. Seit fast achtzig Jahren gibt er der Kunst dieser Stadt ein Zuhause, mit Ausstellungen, Gemeinschaftsateliers und Aktionen wie dieser offenen Croquis-Runde.
Den Vorsitz hat Tuire Toivola, bildende Künstlerin. Kennengelernt haben wir uns vor drei Jahren, über den Austausch zwischen der Künstlergruppe um Minttu Saarinen und unserer BBK-Ortsgruppe in Celle: Alle zwei Jahre besuchen sich Künstlerinnen und Künstler beider Städte gegenseitig, und damals war ich mit einer kleinen Gruppe zum ersten Mal hier. Dass meine eigene kleine Ausstellung heute genau in diesem Umfeld hängt, schließt einen Kreis.
Tuires eigene Arbeiten entstehen mit Tusche, Aquarell und Mischtechnik, mit Acryl, Öl und Kohle. Es sind stille, der Natur zugewandte Bilder, in denen Wasser, Licht, Ufer und Meer immer wiederkehren: Blätter wie Valoa kohti (Dem Licht entgegen), die Serie Vedenalainen, maanpäällinen (Unter Wasser, über der Erde) oder die siebenteilige Kohlefolge Eräänä päivänä lähden merelle (Eines Tages fahre ich hinaus aufs Meer). Für die zweite Woche der Residenz ist ein Besuch in der Galerie des Vereins verabredet, ich freue mich darauf.
Manche Nachmittage bleiben, weil in ihnen mehrere Dinge zugleich passieren.“Aus der Notiz zum Croquis-Nachmittag, Tag 2