Ein Fest für die Toten, gebaut in einer alten Tuchfabrik
Ehrlich gesagt bin ich nicht wegen der Motorräder gekommen. Mich zieht dieses alte Industriegelände an, ich war tagsüber schon draußen unterwegs und habe fotografiert, und ich wollte einmal sehen, wie es von innen aussieht. Als die Frau an der Kasse sagte, zu den Motorrädern gebe es oben im ersten Stock noch eine Kunstausstellung, hatte ich damit überhaupt nicht gerechnet und bin sofort nach oben.
Oben, eine Etage über den Motorrädern, liegt ein Saal, den sie Verki nennen. Drinnen ist es dunkel, die Wände sind schwarz, und das Licht liegt in Violett, Pink und Grün über allem. Aus den Lautsprechern laufen die ganze Zeit mexikanische Klassiker, was eine richtig schöne Stimmung macht. Dann sieht man, woraus dieser Raum gebaut ist: aus Holz, aus Farbe, aus Totenschädeln und aus Motorrädern.
Die Ausstellung heißt Custom Bikes & Art, und der Teil, um den es mir geht, heißt mit vollem Namen Dia de los Muertos and Sexy Carvings Art. Ein Stockwerk tiefer, im großen Vanaja-Saal, stehen umgebaute Motorräder wie in einem Heiligtum, jedes ein eigenes Stück Handwerk aus vielen Ländern. Oben im Verki treffen mexikanische Totensymbolik, Malerei und rohe Holzskulpturen aufeinander. Die Idee, Motorräder und Kunst so zusammenzubringen, kam von Juha Rouhikoski, der das Haus mit betreibt und auch Lux Helsinki künstlerisch leitet.
Das Besondere für mich: Ich wohne während der Residenz auf genau diesem Gelände, im kleinen Haus der früheren Fabrikverwaltung, nur ein paar Schritte von dieser Ausstellung entfernt. So lebe ich diesen Sommer Tür an Tür mit einem Fest über den Tod. Zu sehen ist es noch bis zum 26. Juli 2026.
Verwirrt hat mich das alles zuerst überhaupt nicht. Die Musik, das Licht, die Schädel, das fühlte sich an wie mitten in Mexiko. Einen der Songs habe ich sogar per Shazam erkannt, Urge von Juan Valentín. Ganz selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass hier mexikanische Künstler ausstellen. Einen Hinweis zum Kontext gab es nirgends. Erst zu Hause, beim Nachlesen, habe ich gemerkt, dass das gar nicht stimmt: Hinter den Werken stehen zwei Finnen.
Der eine ist Tapani Kokko, geboren 1969, ausgebildet an der finnischen Kunstakademie und heute einer der eigenwilligsten Bildhauer des Landes. Seine Figuren schnitzt er aus Holz und überzieht sie mit Perlen, Glitzer, Stoff und Farbe. Sie stehen zwischen Volkskunst, Barock und dem, was man Outsider Art nennt, und sie haben einen sehr eigenen Humor. Seine Arbeiten hängen in bedeutenden finnischen Museen, vertreten wird er von der Galerie Forsblom. In dieser Ausstellung nennt er sich augenzwinkernd Tapani El Kokko.
Der andere ist Sakke Järvenpää, den viele als Musiker von Sleepy Sleepers und Leningrad Cowboys kennen. Als Maler nennt er sich Bonehead Zack. Ernsthaft zu malen hat er während Corona angefangen, weil, wie er selbst sagt, nichts anderes mehr zu tun war. Ihn zieht die Verbindung von Leben und Tod im Día de los Muertos an, und genau davon erzählen seine Bilder hier an den Wänden, in kräftigen Farben, zwischen Tattoo, Comic und mexikanischer Bildsprache.
Wer bei Totenschädeln an Horror denkt, liegt beim Día de los Muertos falsch. Bei dem mexikanischen Fest geht es nicht ums Gruseln, sondern ums Erinnern. Familien holen ihre Verstorbenen für ein paar Tage zurück ins Leben, mit Altären, Kerzen, Blumen, Essen und Musik. Die UNESCO hat es 2008 zum immateriellen Kulturerbe erklärt.
Die vielleicht bekannteste Figur daraus, die elegante Totendame La Catrina, geht auf den Zeichner José Guadalupe Posada zurück, der um 1910 einen satirischen Totenschädel schuf. Der Schädel steht dort nicht für Angst, sondern für Erinnerung, für Vergänglichkeit und dafür, dass am Ende alle gleich sind, ob arm oder reich. Wenn man das weiß, sieht man den Raum in Hämeenlinna anders.
Dann sind da die Sexy Carvings, Kokkos übergroße geschnitzte Körper. Sie sind nicht schön im gefälligen Sinn, eher absurd, verletzlich und komisch zugleich. Ich lese sie nicht als Provokation, sondern als eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Körper, mit Scham und mit Lust, der die Übertreibung den Ernst nimmt.
Dass Tod und Körperlichkeit hier nebeneinanderstehen, ist alt in der Kunst. Der Tod erinnert an die Vergänglichkeit, der Körper an das Leben, an Geburt und an Kraft. Ob dieser Gedanke hier voll aufgeht oder ob die nackten Figuren und das Erinnerungsfest zwei verschiedene Sprachen sprechen, das habe ich für mich nicht abschließend beantwortet. Und ich finde, das muss ich auch nicht.
Am ruhigsten wird es am Altar. Er ist der einzige Ort im Raum, der nicht von den Künstlern kommt, sondern von den Besuchern. Man darf sogar ein Foto der eigenen Verstorbenen dazustellen, auch das stand nirgends, ich habe es erst hinterher erfahren. Wer will, legt etwas ab und bleibt einen Moment. Hier ist das Fest der Toten plötzlich kein Motiv mehr, sondern echt.
Ich finde es eine wirklich tolle Ausstellung. Was fehlt, ist der Kontext vor Ort, und ohne den kann man sie missverstehen, so wie ich am Anfang. Es ist eben keine mexikanische Ausstellung, sondern die persönliche Annäherung zweier Finnen an ein fremdes Fest. Weiß man das, wird es sogar interessanter, gerade wie der finnische Bildhauer seine Figuren sieht und wie das Ganze aufgebaut ist. Ein kleiner Hinweis an der Wand würde viel helfen.
Ein Raum, der einen leiser werden lässt.“Notiz aus dem Verki, Tag 4