Notiz · 4. Juli 2026
[ku] 21/26 Kunst
Studienblätter für Pflanzen, die es nie gab.
Studienblatt, Mycoteuthis silvatica · Ganzes, Detail und Schnitt · EDEN, Roman Thomas
Neben den Waldbildern von EDEN steht ein Herbarium. Studienblätter einer Flora, die aussieht wie dokumentiert und doch vollständig erfunden ist.
Dieselbe Flora, aus der anderen Richtung
In den Waldbildern von EDEN begegnet man den Wesen flüchtig, halb verborgen, halb schon woanders. Im Herbarium liegen sie offen vor einem. Herausgelöst aus dem Wald, auf hellem Papier festgehalten, mit Wurzel, Blatt und Schnitt, so wie man in einem alten botanischen Atlas eine Art dokumentiert. Dieselbe erfundene Natur, einmal im Verschwinden, einmal im Festhalten.
Ein Atlas ist ein Versprechen
Ein botanischer Atlas verspricht, dass es das Gezeigte gibt. Genau dieses Versprechen nehme ich und drehe es. Meine Blätter tragen alles, was ein Dokument glaubwürdig macht. Mehrere Ansichten desselben Wesens, ein Detail, ein Querschnitt, ruhiges Licht, ein Name. Nur die Pflanze selbst hat nie existiert.
Wer hinschaut, gerät kurz ins Straucheln. Ist das eine Studie, eine wissenschaftliche Tafel, eine Zeichnung oder eine Erfindung. Diese Unsicherheit ist gewollt. Sie ist dieselbe, die die Menschen um 1900 vor der Fotografie hatten, als man den Lüßwald heimatkundlich dokumentierte und der Kamera blind vertraute. Nur dass die Maschine heute nicht mehr abbildet, sondern erfindet.
Eine Systematik, die es nicht gibt
Die Wesen sind nicht wahllos. Sie ordnen sich, als gäbe es eine Systematik dahinter. Tiefsee-Botanik, Membranfarne, Fruchtkörper, Schwebewesen. Ich habe ihnen Namen gegeben, halb lateinisch, wie in der echten Botanik, damit sie sich einreihen in eine Ordnung, die niemand je aufgeschrieben hat.
Fünf davon liegen wirklich vor einem
Fünf der Blätter sind gedruckt, als Fine-Art-Print auf Hahnemühle William Turner, einem rauen, warmen Papier, das dem Ganzen die Anmutung eines alten Atlas gibt. In der Ausstellung kann man ihnen so nah kommen, wie man einem echten Herbarblatt nahekommt, und trotzdem stimmt etwas nicht. Genau in diesem Zögern liegt die Arbeit.
Zu sehen ist EDEN mit dem Herbarium ab diesem Wochenende in der Ausstellung QUO VADIS ARS. Ist KI das Ende der Kunst? im Albert-König-Museum Unterlüß, vom 5. Juli bis 11. Oktober 2026.