Notiz · 4. Juli 2026
[ku] 19/26 Kunst
Wie aus echten Waldbildern eine erfundene Natur wird.
Aus der Werkreihe EDEN · Roman Thomas
EDEN beginnt nicht am Rechner, sondern im Lüßwald bei Unterlüß. Wie aus realen Fotografien eine zweite Natur wächst, und warum das keine Spielerei mit KI ist, sondern eine Untersuchung.
Der Moment, in dem der Blick unsicher wird
Es gibt diesen Moment im Wald, in dem man kurz nicht sicher ist. Eine Wurzel, ein Schatten, ein Riss in der Rinde, und für einen Augenblick sieht man ein Gesicht, eine Form, ein Wesen. Meistens ist da nichts. Aber der Blick hat schon entschieden. Genau dieser Moment ist der Anfang von EDEN.
Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Frage, wie Wirklichkeit im Sehen entsteht. In Hidden Places habe ich urbane Räume gesucht, die menschenleer wirken, fast wie innere Räume. In Heimat habe ich die Kamera während der Belichtung wandern lassen. Jetzt kommt eine neue Kraft dazu, die alles verschiebt, was Bilder bedeuten. Ich wollte sie nicht kommentieren, ich wollte sie in ein Bild holen.
EDEN beginnt im Wald, nicht am Rechner
Ich gehe in den Lüß bei Unterlüß, zu den alten Stämmen, dem gekippten Holz, dem Moos, dem Zerfall und dem neuen Leben, das daraus wächst. Ich fotografiere mit Mittelformat, langsam, im vorhandenen Licht. Diese Aufnahmen sind der Boden. Ohne den realen Ort wäre EDEN ein beliebiger Wald aus dem Nichts. Mit ihm ist es ein bestimmter, und das macht den Unterschied.
Dann habe ich etwas gefunden, das größer war als gedacht. Fast hundert Jahre vor mir hat Albert König genau diesen Wald gezeichnet, über vierzehn Jahre, immer wieder dieselben Bäume. Er suchte in der Borke Verwachsungen und menschliche Formen und sagte, ein Baum sei erst wert gezeichnet zu werden, wenn er zum Erlebnis wird. Das ist fast mein eigener Satz. Ich trage keine Fantasie von außen in die Natur. Ich setze eine Linie fort, die in diesem Wald hundert Jahre alt ist. Nur mit einem neuen Werkzeug.
Aus Dokument wird Spekulation
In meine realen Aufnahmen lasse ich mit KI eine zweite Natur wachsen. Eine erfundene Flora aus Moos, Pilz, Wurzel und Tiefseeform, Wesen einer Ordnung, die es so nicht gibt. Manche wachsen aus dem toten Holz, andere schweben. Daneben entsteht ein Herbarium, Studienblätter, die aussehen wie die Aufzeichnungen eines Forschers. Nur dass die Pflanzen erfunden sind. Man weiß beim Hinsehen nie ganz, ob man eine Fotografie, eine Studie oder eine Konstruktion vor sich hat.
Mich interessiert dabei nicht das Spektakel, sondern der Bruch. Der Wald ist echt, das Wesen nicht, und beide sind im selben Bild. Diese Naht ist die Aussage. Sie fragt, was Natur noch bedeutet, wenn künstliche Bilder anfangen, sich in unsere Wahrnehmung einzuschreiben.
Warum das kein KI-Effekt ist
Ich verlasse mich nicht auf das, was die Maschine von sich aus liefert. Ich arbeite in Schichten, greife ein, verwerfe, fange von vorn an, so lange, bis das Bild da ist, das ich im Kopf hatte. Die größte Gefahr kenne ich genau. Wenn ich die Wesen voll ausmale, kippt EDEN ins Dekorative und wird zur schönen Oberfläche ohne Position. Deshalb gilt hier, was ich mir längst notiert habe. Was ungesehen bleibt, kann schwerer wiegen als das, was gezeigt wird. Im Zweifel weniger.
Ich sage auch offen, dass KI im Spiel ist. Nicht kleingedruckt, nicht versteckt. Was hier hängt, sind keine Fotografien im klassischen Sinn, sondern Verwandlungen. Diese Offenheit gehört zur Arbeit, nicht als Entschuldigung, sondern als Teil der Haltung.
Was offen bleibt
EDEN ist nicht fertig, und das soll es auch nicht sein. Die Serie wächst noch, manche Wesen sind fast glaubhaft, andere noch zu laut. Ich lasse das bewusst offen. Ein Garten, der sich für einen Urwald hielt, erklärt sich nicht zu Ende. Er bleibt ein Anfang mit Bruch.
Wie aus den echten Aufnahmen über hundert Wesen und die fertigen Bilder wurden, zeige ich in einem eigenen Beitrag über die Entstehung.
Zu sehen ist EDEN ab diesem Wochenende in der Ausstellung QUO VADIS ARS. Ist KI das Ende der Kunst? im Albert-König-Museum Unterlüß, vom 5. Juli bis 11. Oktober 2026.