Elf Blickwinkel, eine Stimme
Dieser Garten hat im Juli in Hämeenlinna angefangen, als Magazin für zwei Wochen Residenz. Schon damals stand in der Einleitung, dass er weiterwachsen soll, auch über Finnland hinaus. Jetzt ist es so weit. Das zweite Beet hat mit Kunst zu tun, aber nicht mit meiner eigenen. Es geht um das Mitentscheiden.
Kunst zu machen ist das eine. Über Kunst mitzuentscheiden ist etwas ganz anderes. In diesem Jahr durfte ich beides zusammendenken, als Mitglied der Jury des Kunstpreises der SPD-Landtagsfraktion im Niedersächsischen Landtag, entsandt vom BBK Niedersachsen. Diese Geschichte erzählt, wie das war. Nicht, wer sonst noch im Gespräch war, das bleibt in der Jury. Aber wie so eine Entscheidung entsteht, und wer am Ende den Preis bekommt.
Ende Mai leitete Dagmar Schmidt aus dem Landesvorstand eine Einladung weiter. Die SPD-Landtagsfraktion richtete ihren Kunstpreis neu aus und wollte den BBK Niedersachsen in der Jury haben. Dagmar und mein Vorstandskollege waren an beiden Terminen verhindert. Ob ich das übernehmen könne. Knapp eine Woche bis zur ersten Sitzung, und ich sagte zu.
Warum der Verband in so einem Gremium sitzen muss, war mir sofort klar. Museen, Hochschulen und Kunstvereine schauen von außen auf künstlerische Wege. Der BBK schaut von innen. Wir vertreten die, um die es geht: Künstlerinnen und Künstler, die in Niedersachsen leben und arbeiten, mit Atelier, Miete und Steuererklärung. Diese Stimme gehört an den Tisch.
Am 28. Mai saßen wir zum ersten Mal zusammen, im Erweiterungsgebäude des Landtags an der Leinstraße, einige per Video. Elf Menschen aus Museen, Hochschulen, Kunstvereinen und dem Verband, dazu die Abgeordneten der Fraktion und die Kolleginnen, die das alles organisieren. Am Tisch saßen Anne Prenzler von der Städtischen Galerie KUBUS in Hannover, die den Vorsitz übernahm, Eva Birkenstock von der Kestner Gesellschaft, Christoph Platz-Gallus vom Kunstverein Hannover, Anna Heinze vom Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg, Ina Grätz von der Kunsthalle Emden, Nils-Arne Kässens vom Museumsquartier Osnabrück, Carolin Knüpper vom Kunstverein Wolfenbüttel, dazu Anette Haas von der Leibniz Universität Hannover, Monika Steinberg von der Hochschule Hannover und Rahel Puffert von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Und ich, für den BBK Niedersachsen.
An diesem Abend wurde der Preis neu gedacht. Seit 1988 wird er vergeben, als einziger Kunstpreis einer Landtagsfraktion in Deutschland, dotiert mit 5.500 Euro. Lange ging er an Lebenswerke. Jetzt soll er in die Mitte schauen: auf Künstlerinnen und Künstler, die keine Neulinge mehr sind und noch nicht etabliert. Für den Nachwuchs gibt es Stipendien, für das Lebenswerk Ehrungen. Die Mitte einer Laufbahn ist der Ort, an dem die wenigsten Preise hinschauen. Dazu ein Bezug zu Niedersachsen, leben, arbeiten oder ausstellen, ohne Wohnsitzpflicht. Zuerst die künstlerische Qualität, dann der Blick auf die Person. Und der ausdrückliche Wunsch nach weiblichen Perspektiven, weil sie in den Preislisten der letzten Jahrzehnte fehlen.
Ein inspirierender, transparenter, offener und konstruktiver Austausch.“Anne Prenzler, Vorsitzende der Jury, über die Sitzung. Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 6. Juli 2026
Jedes Jurymitglied durfte einen Vorschlag einreichen, höchstens zwei, bis Ende Juni. Ich wollte nicht aus dem Bauch heraus zwei Namen nennen, die mir gerade einfielen. Also habe ich recherchiert. Wochenlang, abends, mit einer Liste, die immer länger wurde: Positionen aus Niedersachsen, ihre Ausstellungen, Stipendien, Kataloge, Websites. Am Ende lagen über dreißig Positionen auf meinem Tisch.
Dafür habe ich mir ein Werkzeug gebaut, so wie ich inzwischen fast alles baue, über Sprache mit einer KI als Handwerkszeug. Es sammelt Quellen, legt sie nebeneinander und macht Positionen vergleichbar: Wo lebt jemand, wo stellt er aus, seit wann, mit welcher Förderung. Was es nicht kann und nicht soll: entscheiden. Erst das Werk, dann die Biografie. Und die Entscheidung bleibt beim Menschen. Zwei Namen habe ich schließlich eingereicht, mit Bildern und Begründung. Welche, bleibt in der Jury.

Am 2. Juli saßen wir wieder im Landtag, wieder einige zugeschaltet. Auf dem Tisch lagen die Vorschläge aller Jurymitglieder, jeder mit Bildern, Lebenslauf und Begründung. Ich hatte mir für jede Position ein Blatt gemacht, mit den Kriterien vom Mai als Maßstab. Man geht anders in so eine Sitzung, wenn man weiß, dass die eigenen Namen nur zwei von vielen sind.
Was mich an diesem Abend am meisten beeindruckt hat, war kein einzelnes Argument. Es war, wie elf sehr verschiedene Blickwinkel sich langsam zu einer Stimme sortiert haben. Ein Museum sieht Sammlungen, eine Hochschule sieht Lehre, ein Kunstverein sieht Ausstellungen, der Verband sieht Lebensrealität. Am Ende stand ein Name, den ich nicht gesetzt hatte. Und ich stehe dahinter. Genau darin liegt für mich der Reiz einer Jury: Man gibt etwas ab und bekommt etwas Größeres zurück.
Leyla Yenirce wurde 1992 in Qubînê geboren, im kurdischen Südosten der Türkei. Mit drei Jahren kam sie als Kind jesidisch-kurdischer Geflüchteter nach Oldenburg und wuchs dort auf. Ihr Heimatdorf gibt es heute nicht mehr, es wurde für einen Staudamm geflutet. Sie studierte erst Kulturanthropologie in Hamburg, dann Bildende Kunst an der Hochschule für bildende Künste, ihren Master machte sie 2022 bei Jutta Koether. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.
Ihre Arbeit lässt sich nicht auf ein Medium festlegen. Sie malt großformatig, Öl und Siebdruck übereinander, auf Leinwänden von zwei mal zwei Metern und mehr. Sie baut Videoinstallationen aus gefundenem Material, komponiert unter dem Namen Rosaceae und steht als Performerin auf der Bühne. Ihre Themen: Widerstand und seine Bilder, mediale und militärische Macht, Flucht, feministische Selbstbehauptung, das Schicksal jesidischer Frauen. Sie ist inzwischen mit dem ars viva-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Finkenwerder Förderpreis ausgezeichnet, ihre Werke hängen in Sammlungen in Luxemburg, Magdeburg, Norwegen und Detroit.
Bis Ende August lief im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg ihre erste museale Einzelausstellung, „Werdegang“. Sie kehrte damit in die Stadt zurück, in der sie ihr erstes Zuhause in Deutschland fand. Im Zentrum eine Gemäldereihe mit Porträts von Frauen, die sie geprägt haben, die Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist darunter, und ihre frühere Deutschlehrerin. Ein Chor der Frauen. Genau dieser Bezug, die Welt und Oldenburg in einem Werk, hat die Jury überzeugt.
Mit Leyla Yenirce ehren wir eine junge Künstlerin, die bereits ein beeindruckendes Werk vorlegen kann, in dem unterschiedliche Bildquellen, historische Bezüge und eigene Beobachtungen zu neuen Zusammenhängen verknüpft werden. Mit ihrer Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Widerstand und Machtgefügen gehört sie zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen ihrer Generation.“Aus der Begründung der Jury, Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 2. September 2026
Die Einladung liegt seit ein paar Tagen auf meinem Schreibtisch. Auf der Karte ist eines ihrer Bilder abgedruckt, dieser Chor aus Frauengesichtern in Blau, und darunter steht klein die Zeile mit ihrem Namen und der Galerie. Am 6. Oktober wird der Preis im Sprengel Museum in Hannover übergeben. Ich werde dort sein, mit der Kamera in der Tasche. Diese Geschichte bekommt danach ihr letztes Kapitel: den Abend, die Übergabe, und hoffentlich ein Gespräch mit der Künstlerin.
Ein paar Zahlen zum Nachschlagen, weil sie im Netz verstreut liegen. Der Kunstpreis der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen wird seit 1988 vergeben und ist mit 5.500 Euro dotiert. Er ist der einzige Kunstpreis, den eine Landtagsfraktion in Deutschland auslobt. Ausgeschrieben wird er nicht, die Jury schlägt vor und entscheidet, die Fraktion redet inhaltlich nicht mit.
2025 ging der Preis an Rüdiger Stanko, 2024 posthum an Anna Jander. Seit diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Mitte künstlerischer Laufbahnen. Verliehen wird am 6. Oktober 2026 im Sprengel Museum Hannover, wie im Jahr davor. Für die kommenden Jahre denkt die Fraktion über einen anderen Ort nach.
Was bleibt, ist zunächst etwas sehr Praktisches: Der BBK sitzt in dieser Jury, und er wird auch in den nächsten Jahren dort sitzen. Ein Verband, der nur Forderungen stellt, wird überhört. Ein Verband, der mitarbeitet, wird gefragt. Das ist für mich der Kern meiner Arbeit im Landesvorstand: nicht neben den Entscheidungen zu stehen, sondern an den Tischen zu sitzen, an denen sie fallen.
Und etwas Persönliches. Ich habe in diesen Wochen mehr niedersächsische Kunst gesehen als in den Jahren davor. Ich habe gelernt, wie ein Museum denkt und wie eine Hochschule argumentiert. Und ich habe gemerkt, dass Mitentscheiden zur künstlerischen Arbeit dazugehört. Wer Kunst macht, sollte ab und zu auch darüber mitreden, wer gesehen wird. Das zweite Beet ist angelegt. Es wird weiterwachsen.