DE EN
Die Einladungskarte zur Preisverleihung auf dem Schreibtisch, darauf ein Gemälde von Leyla Yenirce mit Frauenporträts in Blau
Kunstpreis · Geschichte 15 · 9. September 2026

Elf Blickwinkel, eine Stimme

GedankeBegegnung
Diese Geschichte knüpft an: Der Garten hat in Finnland angefangen. Hier wächst das zweite Beet.
Gedanke

Dieser Garten hat im Juli in Hämeenlinna angefangen, als Magazin für zwei Wochen Residenz. Schon damals stand in der Einleitung, dass er weiterwachsen soll, auch über Finnland hinaus. Jetzt ist es so weit. Das zweite Beet hat mit Kunst zu tun, aber nicht mit meiner eigenen. Es geht um das Mitentscheiden.

Kunst zu machen ist das eine. Über Kunst mitzuentscheiden ist etwas ganz anderes. In diesem Jahr durfte ich beides zusammendenken, als Mitglied der Jury des Kunstpreises der SPD-Landtagsfraktion im Niedersächsischen Landtag, entsandt vom BBK Niedersachsen. Diese Geschichte erzählt, wie das war. Nicht, wer sonst noch im Gespräch war, das bleibt in der Jury. Aber wie so eine Entscheidung entsteht, und wer am Ende den Preis bekommt.

01
Kunst zu machen ist das eine. Über Kunst mitzuentscheiden ist etwas ganz anderes.
Gedanke

Am 28. Mai saßen wir zum ersten Mal zusammen, im Erweiterungsgebäude des Landtags an der Leinstraße, einige per Video. Elf Menschen aus Museen, Hochschulen, Kunstvereinen und dem Verband, dazu die Abgeordneten der Fraktion und die Kolleginnen, die das alles organisieren. Am Tisch saßen Anne Prenzler von der Städtischen Galerie KUBUS in Hannover, die den Vorsitz übernahm, Eva Birkenstock von der Kestner Gesellschaft, Christoph Platz-Gallus vom Kunstverein Hannover, Anna Heinze vom Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg, Ina Grätz von der Kunsthalle Emden, Nils-Arne Kässens vom Museumsquartier Osnabrück, Carolin Knüpper vom Kunstverein Wolfenbüttel, dazu Anette Haas von der Leibniz Universität Hannover, Monika Steinberg von der Hochschule Hannover und Rahel Puffert von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Und ich, für den BBK Niedersachsen.

An diesem Abend wurde der Preis neu gedacht. Seit 1988 wird er vergeben, als einziger Kunstpreis einer Landtagsfraktion in Deutschland, dotiert mit 5.500 Euro. Lange ging er an Lebenswerke. Jetzt soll er in die Mitte schauen: auf Künstlerinnen und Künstler, die keine Neulinge mehr sind und noch nicht etabliert. Für den Nachwuchs gibt es Stipendien, für das Lebenswerk Ehrungen. Die Mitte einer Laufbahn ist der Ort, an dem die wenigsten Preise hinschauen. Dazu ein Bezug zu Niedersachsen, leben, arbeiten oder ausstellen, ohne Wohnsitzpflicht. Zuerst die künstlerische Qualität, dann der Blick auf die Person. Und der ausdrückliche Wunsch nach weiblichen Perspektiven, weil sie in den Preislisten der letzten Jahrzehnte fehlen.

03
Die Mitte einer Laufbahn ist der Ort, an dem die wenigsten Preise hinschauen.
Ein inspirierender, transparenter, offener und konstruktiver Austausch.“
Anne Prenzler, Vorsitzende der Jury, über die Sitzung. Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 6. Juli 2026
Abendlicher Gang durch Hannover, klassizistische Fassade mit Säulen, danach die aufgeschlagenen Jury-Unterlagen auf dem Tisch
Bewegtbild · 0:12
Spur · Der Weg zur Sitzung, und die Unterlagen, die mitkamen.
Begegnung

Am 2. Juli saßen wir wieder im Landtag, wieder einige zugeschaltet. Auf dem Tisch lagen die Vorschläge aller Jurymitglieder, jeder mit Bildern, Lebenslauf und Begründung. Ich hatte mir für jede Position ein Blatt gemacht, mit den Kriterien vom Mai als Maßstab. Man geht anders in so eine Sitzung, wenn man weiß, dass die eigenen Namen nur zwei von vielen sind.

Was mich an diesem Abend am meisten beeindruckt hat, war kein einzelnes Argument. Es war, wie elf sehr verschiedene Blickwinkel sich langsam zu einer Stimme sortiert haben. Ein Museum sieht Sammlungen, eine Hochschule sieht Lehre, ein Kunstverein sieht Ausstellungen, der Verband sieht Lebensrealität. Am Ende stand ein Name, den ich nicht gesetzt hatte. Und ich stehe dahinter. Genau darin liegt für mich der Reiz einer Jury: Man gibt etwas ab und bekommt etwas Größeres zurück.

05
Elf Blickwinkel, und am Ende eine Stimme.
Mit Leyla Yenirce ehren wir eine junge Künstlerin, die bereits ein beeindruckendes Werk vorlegen kann, in dem unterschiedliche Bildquellen, historische Bezüge und eigene Beobachtungen zu neuen Zusammenhängen verknüpft werden. Mit ihrer Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Widerstand und Machtgefügen gehört sie zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen ihrer Generation.“
Aus der Begründung der Jury, Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 2. September 2026
Begegnung

Die Einladung liegt seit ein paar Tagen auf meinem Schreibtisch. Auf der Karte ist eines ihrer Bilder abgedruckt, dieser Chor aus Frauengesichtern in Blau, und darunter steht klein die Zeile mit ihrem Namen und der Galerie. Am 6. Oktober wird der Preis im Sprengel Museum in Hannover übergeben. Ich werde dort sein, mit der Kamera in der Tasche. Diese Geschichte bekommt danach ihr letztes Kapitel: den Abend, die Übergabe, und hoffentlich ein Gespräch mit der Künstlerin.

Spur

Ein paar Zahlen zum Nachschlagen, weil sie im Netz verstreut liegen. Der Kunstpreis der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen wird seit 1988 vergeben und ist mit 5.500 Euro dotiert. Er ist der einzige Kunstpreis, den eine Landtagsfraktion in Deutschland auslobt. Ausgeschrieben wird er nicht, die Jury schlägt vor und entscheidet, die Fraktion redet inhaltlich nicht mit.

2025 ging der Preis an Rüdiger Stanko, 2024 posthum an Anna Jander. Seit diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Mitte künstlerischer Laufbahnen. Verliehen wird am 6. Oktober 2026 im Sprengel Museum Hannover, wie im Jahr davor. Für die kommenden Jahre denkt die Fraktion über einen anderen Ort nach.

07
Der einzige Kunstpreis einer Landtagsfraktion in Deutschland.