
Eine Gießerei voller Kunst
Der Weg zur NordArt beginnt erstaunlich unspektakulär, mit einer Zufahrt, ein paar Fahrradständern und einem Gebäude mit grüner Glasfassade. Erst ein paar Schritte weiter öffnet sich der Park, und zwischen alten Bäumen, einem Teich und weiten Wiesen stehen die ersten Skulpturen. Manche sind so groß, dass eine ganze Führung in ihrem Schatten Platz findet, andere so klein, dass man im Vorbeigehen fast über sie hinwegsieht. Am 1. Oktober war ich dort, mit der Kamera, und bin bis in den Nachmittag geblieben.
Die Carlshütte wurde 1827 gegründet, als Eisengießerei und als erste Industrieansiedlung in den damaligen Herzogtümern Schleswig und Holstein. Gegossen wurde hier bis 1997. Danach übernahm Hans-Julius Ahlmann, Gesellschafter der ACO Gruppe, das Gelände, und seit 1999 findet in den alten Hallen jeden Sommer die NordArt statt. Die Kunst hat die Gießerei dabei nicht ersetzt, sie ist bei ihr eingezogen. Stahlträger, raue Wände, Gruben im Boden und dunkle Ecken mit rostigen Anlagen sind noch da, und manche Arbeit sieht vor diesem Hintergrund anders aus, als sie es in einem weißen Museumssaal täte.

























Die Zahlen muss man sich einmal nebeneinander ansehen. 1999 stellten 50 Künstlerinnen und Künstler aus sechs Ländern aus. 2026 sind es rund 200, ausgewählt aus etwa 3.000 Bewerbungen, nach Angaben der dpa aus 50 Ländern. Mehr als 100.000 Menschen kommen jeden Sommer. Die Hallen haben zusammen 22.000 Quadratmeter, dazu kommt die Wagenremise mit 400 Quadratmetern, und draußen liegt ein Skulpturenpark von 80.000 Quadratmetern. Wer alles sehen möchte, braucht bequeme Schuhe und sollte nicht erst am späten Nachmittag kommen.
Trotzdem ist die NordArt keine Messe. Es gibt keine Stände, an denen Galerien nebeneinander ihr Programm zeigen. Die Ausstellung wird jedes Jahr als Ganzes kuratiert, von Wolfgang Gramm als Chefkurator, von Inga Aru und Taso Gramm. Dazu kommen Länderprojekte, in diesem Jahr ein Schwerpunkt auf dem Baltikum unter dem Titel „Vilnius – Riga – Tallinn: Notes from the Fringe“, ein chinesisches Sonderprojekt und eines zu Zentralasien in der Wagenremise. Das erklärt vielleicht, warum man hier nie das Gefühl hat, an Kojen vorbeizugehen. Eher wandert man durch eine sehr große, sehr vielstimmige Ausstellung, die an einigen Stellen bewusst laut ist und an anderen erstaunlich still.
































Seit 2000 gibt es zusätzlich das NordArt-Symposium. Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten dann vor der Ausstellung mehrere Wochen auf dem Gelände, und manche Arbeit, die dabei entsteht, bleibt anschließend da. So wächst der Park von Jahr zu Jahr ein Stück weiter. Die große Drahtskulptur von Ochirbold Ayurzana ist 2015 auf dem Symposium entstanden und gehört heute zu den dauerhaften Arbeiten. Zu ihr komme ich in der nächsten Geschichte noch einmal zurück, sie gehört zu meinen vier Favoriten.
Seit 2010 vergeben Hans-Julius und Johanna Ahlmann außerdem den NordArt-Preis, dotiert mit 10.000 Euro. Dazu kommen drei Publikumspreise, über die die Besucherinnen und Besucher abstimmen. Unter den Preisträgern der vergangenen Jahre sind David Černý, Michal Gabriel, Ochirbold Ayurzana, Xiang Jing und Ekaterina Zacharova. Wer ausgezeichnet wird, ist zur nächsten NordArt wieder eingeladen, was ich für eine schöne Form von Preis halte: Man bekommt nicht nur etwas, man darf auch wiederkommen.




Die NordArt 2026 läuft vom 6. Juni bis zum 4. Oktober im Kunstwerk Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr, auch an Feiertagen. Es ist die 27. Ausgabe seit 1999. Wer es in diesem Jahr nicht mehr schafft, hat im nächsten Sommer die nächste Gelegenheit. Was mich an diesem Tag persönlich am meisten beschäftigt hat, steht in der nächsten Geschichte.