
Vier, die geblieben sind
Viele Arbeiten der NordArt kann man sich vorher als Abbildung ansehen, im Katalog, auf der Website, im Feed. Das ist praktisch, und trotzdem fahre ich immer wieder hin. Eine Abbildung zeigt mir, was auf einem Bild ist. Vor dem Original merke ich, was es mit mir macht, und das ist erstaunlich oft etwas anderes. Größe zum Beispiel lässt sich auf einem Bildschirm nur behaupten. In der Halle muss man zurücktreten, den Kopf heben, ein paar Schritte zur Seite gehen, und manchmal setzt man sich einfach hin.
Genau das finde ich jedes Mal wieder inspirierend: die vielen Arbeiten wirklich zu erleben, im selben Raum, mit dem eigenen Körper als Maßstab. Gerade als Fotograf, der selbst ständig Bilder für Bildschirme macht, tut mir das gut. Von den rund 200 Positionen in diesem Jahr sind mir vier besonders geblieben, und von denen erzählt diese Geschichte.
Bego Riba stammt aus Burgos und lebt seit 2003 in Palma de Mallorca. Auf der NordArt hängen Ölbilder aus ihrer aktuellen Werkgruppe, darunter „Incubatio“ von 2025, 150 mal 150 Zentimeter. Zu sehen sind Körper, die ineinanderliegen, eingehüllt in Stoff in Rot, Grün und Gelb. Hände, Füße und Falten sind so genau gemalt, dass man den Stoff fast anfassen möchte. Nur ein Gesicht sucht man vergeblich, auf keinem der Bilder ist eines zu sehen.
Gerade das hält einen vor diesen Bildern fest. Weil niemand zurückschaut, bleibt offen, wer diese Menschen sind und was zwischen ihnen geschieht, ob das Nähe ist, Schutz oder Enge. Die Antwort gibt man sich vor dem Bild selbst, und sie fällt vermutlich bei jedem ein wenig anders aus. Auf einem der Fotos stehe ich selbst davor und suche noch.




Undine Bandelin wurde 1980 in Jena geboren und lebt in Leipzig. Ihr Triptychon „Das Tribunal“ ist 2026 entstanden, drei Tafeln in Öl und Acryl, jede 2,60 Meter hoch. Auf einer davon steht eine nackte Figur mit Hasenkopf, um sie herum drängen sich grüne Gestalten, und darüber reiht sich eine Galerie von Köpfen, als säße dort ein Publikum oder ein Gericht, so genau lässt sich das nicht sagen.
Das Bild ist bunt, fast vergnügt gemalt und dabei alles andere als gemütlich. Man weiß nicht recht, ob man über diese Szene lachen darf oder ob man gerade selbst mitverhandelt wird. Diese Unentschiedenheit gefällt mir. Davor habe ich ein kurzes Video gedreht, es steht weiter unten.

Liu Yaming, 1962 in China geboren, hat sein Gemälde „Eye in the Sky“, auf Deutsch „Das Auge am Himmel“, zwischen 2011 und 2015 gemalt. Öl auf Leinwand, neun mal zwölf Meter. Es hängt im chinesischen Sonderprojekt „Landscape of Thought“ an der Stirnseite einer der großen Hallen, und es ist so groß, dass die Halle drumherum auf einmal kleiner wirkt, als sie ist.
Aus der Entfernung sieht man einen Strudel aus Licht und Dunkel. Erst beim Näherkommen werden daraus Körper, unzählige, die fallen, sich aneinander festhalten, die Arme ausbreiten. Ich bin lange davor geblieben und habe es aus allen Ecken der Halle fotografiert, von nah, von weit, über die alte Gießgrube hinweg. Auf einem der Fotos steht eine Besucherin unten rechts am Bildrand und reicht kaum bis zur Unterkante. So ungefähr ist das Verhältnis.










Die vierte Arbeit steht draußen im Park. Sie ist 2015 auf dem Symposium entstanden und gehört heute zu den Dauerexponaten. Ochirbold Ayurzana, 1976 in der Mongolei geboren, hat „Der Mensch ist kein Überfluss der Erde“ aus Stahldraht gebaut, 450 × 350 × 500 Zentimeter groß. Ein ovaler, rostbrauner Körper auf vier dünnen Beinen, schwer wie ein großes Tier und zugleich durchlässig wie ein Netz, durch das man Himmel und Bäume sieht.
Ochirbold hat 2019 den NordArt-Preis bekommen und 2024 die Mongolei auf der Biennale in Venedig vertreten. Mich lässt vor allem der Titel nicht los, der eine Frage stellt, ohne ein Fragezeichen zu brauchen: Welchen Platz nimmt der Mensch eigentlich ein, wenn er sich nicht ständig selbst zum Maß aller Dinge macht? Vor dieser Figur, die gleichzeitig da ist und nicht ganz, wirkt die Frage weniger theoretisch.



Als ich die vier hinterher nebeneinanderlegte, fiel mir etwas auf, das ich in der Halle nicht bemerkt hatte. Spanische Malerei, ein deutsches Triptychon, ein chinesisches Riesenbild und eine mongolische Drahtskulptur haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Und doch geht es in allen vier Arbeiten um den Menschen, ohne dass eine davon ein Porträt wäre. Bei Bego Riba verschwinden die Gesichter im Stoff, bei Undine Bandelin wird der Mensch zur Figur in einem Schauspiel, bei Liu Yaming geht er in einer ganzen Menschheit auf, und bei Ochirbold löst sich der Körper in Draht und Luft auf.
Vielleicht sind gerade deshalb diese vier geblieben. Sie wirken zuerst körperlich, über Farbe, Haut, Größe und Material, und die Bedeutung kommt erst danach. Das funktioniert im Raum, nicht auf dem Bildschirm. Mit nach Hause genommen habe ich weniger eine Bildidee als eine Frage für meine eigene Arbeit: wie man vom Menschen erzählen kann, ohne einfach einen Menschen abzubilden.
Natürlich bestand der Tag nicht nur aus vier Arbeiten. Dazwischen lagen Hallen voller Köpfe, Stoffbahnen, geschnitzter Figuren, gemalter Wälder und sehr vieler Menschen, die vor all dem stehen blieben. Manche fotografierten, andere setzten sich, ein Paar lehnte am Geländer und schaute. Ein paar dieser Momente habe ich mitgenommen.











































Die NordArt 2026 läuft noch bis zum 4. Oktober. Wer es nicht mehr schafft, bekommt im nächsten Sommer die nächste Gelegenheit, und ich fahre dann sehr wahrscheinlich wieder hin.