
Eine Stadt baut an ihrer Kante
Man kommt in Aarhus fast zwangsläufig an Dokk1 vorbei, wenn man zum Wasser will. Das Haus steht dort, wo die Aarhus Å ins Hafenbecken mündet, auf einem Platz, der nach Hack Kampmann benannt ist, dem Architekten des alten Zollhauses gleich nebenan. Ich war am 18. Oktober dort, an einem Tag mit tiefem, klarem Herbstlicht, und bin von der Bibliothek aus einfach weitergegangen, über die Kais bis auf eine Pier, auf der gerade ausprobiert wird, was ein Park im Hafen sein kann.
Entworfen haben Dokk1 Schmidt Hammer Lassen Architects, die Freiräume drumherum das Büro von Kristine Jensen. Der Wettbewerb lief 2009, eröffnet wurde am 20. Juni 2015. Das Haus besteht im Grunde aus drei Schichten: unten ein Sockel mit breiten Freitreppen, darauf ein Prisma aus Glas, in dem die öffentliche Bibliothek liegt, und darüber eine flache, vielkantige Scheibe mit Büros, die weit über die Terrassen hinausragt. Die Architekten nennen sie eine polygonale Scheibe, und weil sie in alle Richtungen gleich ausgreift, hat das Gebäude keine Rückseite. Man steht unter diesem Dach wie unter einem sehr großen Vordach und merkt erst nach einer Weile, dass man eigentlich schon mitten im Haus ist.








Dokk1 ist nur der sichtbarste Teil eines viel größeren Umbaus. Unter dem Namen Urban Mediaspace haben die Stadt Aarhus und die Stiftung Realdania die Hafenkante vor der Innenstadt neu geordnet: Der letzte Abschnitt der Aarhus Å wurde wieder freigelegt, der Hafenverkehr verlegt, zwei neue Plätze angelegt und die Stadtbahn vorbereitet, die heute teilweise unter dem Gebäude hält. Unter dem Sockel liegt außerdem eine vollautomatische Tiefgarage für 1.000 Autos, die man von oben nicht bemerkt, was vermutlich das größte Kompliment ist, das man einer Tiefgarage machen kann.
Drinnen hängt eine Röhrenglocke aus Bronze von Kirstine Roepstorff, siebeneinhalb Meter lang und rund drei Tonnen schwer. Sie ist mit der Geburtsstation des Universitätskrankenhauses verbunden, und wenn dort ein Kind zur Welt kommt, können die Eltern sie per Knopfdruck läuten lassen. Ein Jahr nach der Eröffnung wählte der internationale Bibliotheksverband IFLA Dokk1 zur Public Library of the Year, als erste dänische Bibliothek. In den ersten sieben Monaten kamen mehr als eine Million Besucherinnen und Besucher.





Von der Terrasse aus sieht man hinüber nach Aarhus Ø, und dort ist die Geschichte noch nicht fertig. Das Gebiet war bis vor gut zwanzig Jahren Containerhafen. 1997 beschloss der Stadtrat, den Hafen nach außen zu erweitern, wodurch die alten, innenstadtnahen Flächen frei wurden. 1999 folgte ein offener Ideenwettbewerb mit rund 150 Beiträgen, dessen Siegeridee sich mit einem Satz zusammenfassen lässt: der Stadt ihre Kante zum Meer zurückgeben. 2003 kam der Gesamtplan, 2007 übernahm die Kommune die ersten Flächen auf Pier 4, 2012 zogen die ersten Bewohner ein, und seit 2013 heißt das Viertel Aarhus Ø. Ein Viertel der Wohnungen ist gefördert, alle Gebäude sind als Niedrigenergiehäuser geplant, und Kanäle teilen das Gelände in Inseln.
Was dabei entsteht, ist erstaunlich verschieden. Das Bürohaus von Bestseller, entworfen von C.F. Møller, hat Fassaden aus hellem sizilianischem Naturstein mit tiefen Fensternischen, in denen das Licht im Lauf des Tages wandert, und bekam 2015 den Architekturpreis der Stadt. Navitas, das Haus der Ingenieurhochschule der Universität Aarhus von Kjær & Richter und Christensen & Co, wurde 2014 fertig. Und über allem steht der Lighthouse, ein Wohnturm von 3XN mit rund 140 Metern, hervorgegangen aus einem Wettbewerb, den 3XN und UNStudio 2007 für Pier 4 gewonnen hatten. Zwischen diesen Bauten stehen noch immer die blauen Hafenkräne, und ich bin mir nicht sicher, ob das Absicht ist oder einfach noch niemand dazu gekommen ist, sie abzubauen. Vielleicht beides.












Ganz anders ist Pier 2. Dort liegt ein Stadtpark, der ausdrücklich auf Zeit angelegt ist, eröffnet 2022, rund 25.000 Quadratmeter groß. Die Stadt nennt ihn eine Testfläche: Hier wird ausprobiert, was ein moderner Park im Hafen enthalten kann, Bootsverleih, Tanzboden, Gemeinschaftsgärten, Lichtkunst, ein Hundepark. Fast alles darin war vorher schon etwas anderes. Die Hügel bestehen aus Meeressand, der beim Ausheben des Kanals auf Pier 4 angefallen ist, eingefasst von alten Granitpollern aus dem Hafen. Die Wege sind aus zerkleinertem Asphalt anderer Baustellen der Stadt, und kranke Pappeln, die an der Ringgaden gefällt wurden, liegen jetzt als Lebensraum für Käfer und Insekten im Gras.
Gepflanzt wurden nur robuste heimische Arten wie Waldkiefer, Strandhafer und Sanddorn, dazu wurden Samen heimischer Pflanzen über die Hügel gestreut. Was heute dort wächst, ist also das, was mit dem Ort zurechtkommt. Seit 2020 kümmern sich der Verein Byen Blomstrer, ehrenamtliche Biologiestudierende der Universität Aarhus, und die Jugendbewegung FLOR um die Artenvielfalt auf der Pier. Sie haben ein Wasserloch angelegt und Baumstämme ausgelegt, und inzwischen leben auf Pier 2 über 440 Arten von Pflanzen, Tieren und Pilzen, darunter manche, die anderswo im Land stark gefährdet sind. So steht es jedenfalls auf der Tafel am Weg, und ich habe keinen Grund, der Tafel zu misstrauen, nur keinen Käfer, der es bestätigen könnte.













Mittendrin steht Domen. Die Kuppel ist das Dome of Visions 3.0 des Architekten Kristoffer Tejlgaard und wurde im Herbst 2016 eröffnet, kurz bevor Aarhus 2017 Kulturhauptstadt Europas war. Das Tragwerk ist aus Holz, die Hülle aus rautenförmig zugeschnittenen Platten aus Polycarbonat, rund 24 Meter im Durchmesser und zehneinhalb Meter hoch, mit etwa 450 Quadratmetern Grundfläche. Unter der Kuppel steht ein eigenes kleines Haus aus Brettsperrholz, und rundherum wachsen Pflanzen, die es draußen am dänischen Hafen nicht aushalten würden. Gedacht war das Ganze als Versuch, wie es sich unter einer Art Gewächshaus lebt und arbeitet.
Seit 2018 gehört Domen der Stadt und ist eines ihrer Bylivshuse, Häuser für das Stadtleben, die gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern betrieben werden. Es gibt ein Café mit ökologischem Angebot, Debatten, Kurse, Konzerte und gemeinsame Essen. Wie lange Kuppel und Park bleiben, ist offen. Bei der Aarhus Festuge 2026 wurde öffentlich über ihre Zukunft diskutiert, und der Entwicklungsplan für die Nachbarpier 3 aus dem Jahr 2025 sieht auf Pier 2 einen Stadtpark vor, keine Häuser. Für einen Park, der als Provisorium angetreten ist, ist das kein schlechtes Zwischenergebnis.






Was mich an diesem Tag am meisten beschäftigt hat, ist das Nebeneinander. Auf der einen Seite des Wassers steht eine Bibliothek, die als fertiges Stück Stadt gebaut ist, präzise, teuer und auf Jahrzehnte angelegt. Auf der anderen Seite liegt ein Park aus Resten, der von Anfang an gesagt hat, dass er vielleicht nicht bleibt, und gerade deshalb Dinge ausprobieren darf. Dazwischen wächst ein ganzer Stadtteil, und die Kräne stehen noch. Aarhus baut an seiner Kante, und man kann ihr dabei zusehen.