
Ein Sprung im Sprengel Museum
Am Ende der letzten Geschichte in diesem Beet stand ein Versprechen: Wenn der Preis übergeben ist, erzähle ich davon. Ich hatte versprochen, davon zu erzählen. Ich hatte nicht gesagt, dass ich dabei so viel fotografieren würde. Am Dienstagabend, dem 6. Oktober, stand ich also im Sprengel Museum Hannover, als Jurymitglied für den BBK Niedersachsen und mit der Kamera um den Hals, was sich zuerst nach zwei Rollen anfühlte und sich dann recht schnell als eine herausstellte.
Rund 200 Gäste waren eingeladen. Am Eingang bildete sich eine Schlange, und wer drin war, blieb erst einmal in der hohen Halle stehen, weil man sich dort eben trifft, bevor man sich setzt.



Im Saal lief auf der großen Leinwand bereits ein Videostill, eine Frau mitten im Sprung über eine karge Landschaft. Auf der Leinwand sprang sie schon, bevor jemand ein Wort gesagt hatte. Die Reihen füllten sich von hinten nach vorn, was bei Veranstaltungen ein verlässliches Naturgesetz zu sein scheint, und vorn warteten die reservierten Plätze auf die, die gleich auf die Bühne mussten.





Die Laudatio hielt Dr. Anna Heinze, Direktorin des Landesmuseums Kunst & Kultur Oldenburg, mit der ich in der Jury saß. Sie stellte das Video „Der Sprung“ in den Mittelpunkt. Gedreht hat Leyla Yenirce es in der Gegend ihres Geburtsortes im kurdischen Teil der Türkei, wo der Ilısu-Staudamm am Tigris ganze Landstriche überflutet hat. Kein Trauern um das, was verloren ist, sagte Anna Heinze sinngemäß, sondern ein kurzer, kraftvoller Moment gegen die Schwerkraft.
Für eine Ausstellung im Museum ließ die Künstlerin die Einzelbilder dieses Sprungs auf Dutzende Tassen drucken, aufgereiht auf langen Regalbrettern, sodass die Bewegung wie in einem Daumenkino abläuft. Ein Massenartikel aus dem Fotoservice, der im Museum plötzlich etwas zu erzählen hat. Ein Daumenkino aus Tassen, dafür bin ich als Fotograf sofort zu haben.




Den Preis überreichten Ministerpräsident Olaf Lies und Stefan Politze, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion. Dann stand Leyla Yenirce selbst am Pult, und ihre schlauen Gedanken, sagte sie, seien gerade ein bisschen verflogen. Stattdessen kam ihr ein Bild in den Kopf: Walter Benjamins Deutung von Paul Klees „Angelus Novus“, dem Engel, den der Sturm der Vergangenheit in die Zukunft treibt.
Mit erhobenen Armen, sagte sie, sehe man allerdings auch aus, als würde man jubeln. Die Vergangenheit schiebe sie nach vorn, aber sie springe dabei. Im Juli hatten wir am Jurytisch über dieses Werk gesprochen, über Mappen, Abbildungen und Lebensläufe. Jetzt stand die Künstlerin vor uns und machte aus einem schweren Bild in zwei Sätzen ein fröhliches. Das kann eine Jurybegründung nicht.



Nach einem offiziellen Teil fängt meistens der Teil an, für den man eigentlich gekommen ist. Im Saal standen die Menschen noch lange an der Bühne, Leylas Familie war aus Oldenburg angereist, Kolleginnen aus der Jury fanden sich wieder, und irgendwann nahm mir jemand die Kamera ab, damit auch ich einmal auf einem Bild bin. Auf einem bin ich es dann tatsächlich, zwischen Leyla und Anna Heinze.



Im Foyer gab es Wein, kleine Gläser mit Essen und viele Stehtische. Von der Treppe aus sieht so ein Empfang aus wie ein sehr ruhiges Gewimmel, von unten ist er deutlich lauter. Hanna Naber, Präsidentin des Niedersächsischen Landtags, gab einem SPD-Mikrofon ein Interview, Stephan Weil, der frühere Ministerpräsident, lachte an einem der Stehtische, und Stefan Politze nahm sich Zeit für die Gespräche, die bei so einem Abend wichtiger sind als jede Rede.
Ehrlich gesagt kam ich mir an diesem Abend erst einmal ein wenig fremd vor. In diesem Kreis bin ich noch ein Neuling, und viele der Gäste kannte ich nicht. Umso froher war ich, dass Rüdiger Stanko da war. Ich kenne ihn über den BBK, er hat mich in die Künstlerdatenbank eingeführt, und im vergangenen Jahr hat er diesen Kunstpreis selbst bekommen. Rüdiger ist ein Urgestein der Hannoveraner Kulturszene und konnte mir zu fast jedem Menschen im Foyer eine eigene Geschichte erzählen. Mit Rüdiger an der Seite hatte ich bald so etwas wie ein Personenverzeichnis im Kopf, mit Fußnoten, und damit einen ziemlich guten Überblick, wer alles da war.
Auch die Galerie Capitain Petzel aus Berlin, die Leyla Yenirce vertritt, war da, mit ihrer Managing Director Dr. Nina Koidl-Weidemann. Mit Leyla und mit ihr hatte ich Gelegenheit zu sprechen, und dabei kamen sehr schöne Anekdoten zusammen, über Politik und Kunst im Allgemeinen und über das Berliner Umfeld im Besonderen. Leyla und ihre Familie habe ich als sehr wertschätzend, sehr höflich und einfach menschlich sympathisch erlebt. Ich freue mich wirklich, dass dieser Preis an sie gegangen ist.
Zusammen mit Dagmar Schmidt, der Vorsitzenden des BBK Niedersachsen, kam ich außerdem mit Dr. Sarah Kuschel ins Gespräch, Programmleiterin Bildende Kunst an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. Sie hat uns gezeigt, welche Möglichkeiten in einer Zusammenarbeit liegen könnten. Ein sehr schöner Austausch, und genau für solche Gespräche lohnt sich ein Empfang.









Leyla Yenirce wurde 1992 in Qubîn im kurdischen Teil der Türkei geboren und kam mit drei Jahren nach Oldenburg, wo sie aufwuchs. Sie hat Kulturanthropologie studiert und 2022 ihren Master an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Jutta Koether gemacht. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet mit Malerei, Video, Installation, Performance und Musik. Bis August zeigte das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg ihre Einzelausstellung „Werdegang“. In der Begründung der Jury heißt es, sie gehöre mit ihrer Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Widerstand und Machtgefügen zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen ihrer Generation.
Damit endet die Geschichte dieses Preises für dieses Jahr. Aus dem Abend nehme ich vor allem ein Bild mit, das eigentlich gar kein Foto ist: die erhobenen Arme.