
Findet die KI mein Studio?
Angefangen hat es mit einem Instagram-Karussell. Es warb für eine Online-Veranstaltung über Sichtbarkeit im Netz, über klassische Suchmaschinenoptimierung und über das, was inzwischen GEO heißt und sich darum dreht, in den Antworten von KI-Systemen vorzukommen. Auf der ersten Folie stand: „Die KI kauft ein und nicht mehr der Mensch.“ Gesagt hat ihn Matthias Wesselmann, in dieser Mitteilung als CEO der Kommunikationsagentur Ketchum in Deutschland genannt, in einer Pressemitteilung vom März 2026. Ich wollte wissen, was unter diesem Satz steht. Daraus wurde am 27. Oktober 2026 ein Recherchetag mit meinem digitalen Team, und am Ende standen 127 Quellen auf der Liste.
Was dabei herauskam, steht ausführlich in der Journal-Notiz „Die KI kauft nicht. Sie sortiert vor.“, und der Titel fasst es ziemlich gut zusammen. Die Befragungen aus dem Jahr 2026 messen vor allem, was Menschen sich vorstellen können und wobei sie sich beim Suchen und Vergleichen helfen lassen; dass eine KI ohne Rückfrage einkauft, misst keine von ihnen. Was eine KI tatsächlich schon tut, passiert einen Schritt früher: Wer sie fragt, bekommt eine Auswahl, bevor er selbst irgendetwas angeklickt hat. Ob Auftraggeber in Deutschland so vorgehen, wenn sie jemanden für Gestaltung oder Fotografie suchen, untersucht keine Studie, die wir gefunden haben. Die Forschung zur Sichtbarkeit in KI-Antworten arbeitet, soweit wir sie gelesen haben, mit englischen Anfragen, mit großen Marken oder mit Konsumgütern. Für ein Studio wie meines gibt es also keine Zahlen, auf die ich mich stützen könnte, und wenn ich wissen will, ob eine KI es findet, muss ich selbst nachsehen.
Ganz neu ist die Frage allerdings nicht. Am 15. Juli 2026 habe ich schon einmal ChatGPT mit Websuche und Perplexity nach meinem Studio gefragt, je ein Durchgang. Beide fanden meine Website, nannten sie als Quelle und erfassten alle drei Bereiche meiner Arbeit richtig, Kunst, Gestaltung und Fotografie, Perplexity sogar sehr ausführlich. Dafür kannte Perplexity noch eine eigene Website für meine Kunst, die es so nicht mehr gibt; ihre Adresse leitet nur noch auf meine Hauptseite weiter. Auf meiner Seite stand davon nichts, die Angabe stammte aus alten Daten.
Und dann gab es noch ein verstecktes Prüfwort. Es stand damals im Quelltext der Website, in einem Kommentar und in einem Meta-Tag, also an Stellen, die im Browser niemand zu sehen bekommt. Keine der beiden KIs hat es genannt, obwohl Perplexity ausdrücklich danach gesucht hat. Das spricht eher für das Versteck als gegen die KI. Gelesen wird offenbar, was auch ein Mensch auf der Seite lesen kann.
Für einen ersten Blick war das erfreulich, eine Antwort auf meine Frage ist es nicht. Ein Durchgang je System ist wenig, und die Fragen kamen aus einem Prüfbericht meines Analysewerkzeugs, der vor allem nachsieht, ob Name, Adresse und Telefonnummer richtig wiedergegeben werden; die meisten dieser Fragen nennen meinen Namen oder meine Website schon selbst. Wer so fragt, weiß schon, wen er sucht. Eine andere Frage ist, ob eine KI mich auch dann nennt, wenn jemand meinen Namen noch nie gehört hat und nur weiß, was er braucht: ein Erscheinungsbild für seine Firma, Kunst aus der Gegend, Fotos eines neuen Gebäudes oder ein Werkzeug, das zu seinem Betrieb passt. Um diese Frage geht es jetzt.
Damit der Versuch mehr hergibt als zwei Momentaufnahmen, braucht er einen Aufbau, den man nachprüfen kann. Gefragt wird so, wie Auftraggeber fragen könnten, möglichst in ihren Worten: welche zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler in Celle arbeiten, wer kleinen Unternehmen eigene Werkzeuge mit KI baut, wie ein Unternehmen auf seiner Website und in den sozialen Medien einheitlich auftritt oder wer im Raum Celle und Hannover Architektur fotografiert. Ob ich die Worte der Auftraggeber dabei wirklich treffe, weiß ich nicht genau, dafür fehlen mir Daten darüber, wie sie suchen. Dazu kommt eine Frage nach mir selbst, damit sich prüfen lässt, ob stimmt, was über mich erzählt wird. Gestellt werden die Fragen mehreren Systemen, vorgesehen sind die Google-Suche mit ihren KI-Übersichten, ChatGPT mit Websuche und Perplexity, zum Anfang mit sechs Fragen.
Ausgerechnet das Fragen selbst wird nicht automatisiert. Sonst baue ich gern Werkzeuge, die mir Handgriffe abnehmen, und beschreibe lieber, was ich möchte, als mich durch Menüs zu klicken. Hier frage ich trotzdem selbst, von Hand, an denselben Oberflächen, die auch ein Auftraggeber sieht. OpenAI untersagt in seinen Nutzungsbedingungen, Antworten automatisiert abzugreifen, und auch Google schränkt automatisierte Zugriffe ein, und was ein Programm über die Schnittstelle eines Anbieters abruft, sieht nicht unbedingt so aus wie die Antwort auf dem Bildschirm. Deshalb beginnt jede Abfrage in einem neuen privaten Browserfenster, abgemeldet, damit weder ein Konto noch ein Verlauf mitredet. Ob jedes System ohne Anmeldung nutzbar ist, zeigt ein Probelauf vorab. Das Cookie-Banner bekommt jedes Mal ein „Alle ablehnen“, die Frage wird aus einer Liste eingefügt statt abgetippt, damit kein Komma verrutscht, und die Antwort wird mit Datum und Uhrzeit festgehalten, sobald geklärt ist, wie lange solche Antworten aufbewahrt werden. Dann geht das Fenster zu, und die nächste Abfrage beginnt von vorn.
Mein digitales Team bereitet die Liste vor, liest aus jeder gesicherten Antwort Text und Links aus und schreibt alles in ein Protokoll, das jede Zeile auf fehlende Angaben prüft. Zu jeder Datei rechnet es eine Prüfsumme, die auch nach dem Löschen noch belegt, dass es die Antwort gab und wie sie gezählt wurde. Was strittig ist, entscheide ich, und bevor ein Ergebnis hier erscheint, sieht sich eine Prüferin Stichproben an, die beim Zählen nicht dabei war.
Jede Frage geht fünfmal an jedes System, vorgesehen sind zwei Termine mit einigen Tagen Abstand. Eine einzelne Antwort sagt bei einer KI nämlich wenig. Forschende der Ruhr-Universität Bochum und des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme haben mit englischen Anfragen im Sommer 2025 und noch einmal im September verglichen, welche Seiten Suchsysteme verlinken. Bei Googles KI-Übersichten waren beim zweiten Mal nur noch 18 Prozent der verlinkten Seiten dieselben, bei der gewöhnlichen Google-Suche immerhin 45 Prozent. Ein Forschungsüberblick vom Juli 2026 nennt sieben bis acht Wiederholungen als Startwert, die Recherche über Perplexity kam auf drei, und eine verbindliche Mindestzahl legt keine unserer Quellen fest. Ich habe mich für fünf entschieden, das liegt ziemlich genau dazwischen.
Fünf Antworten sind trotzdem nicht viel, und es lohnt sich, ehrlich auszurechnen, wie wenig. Taucht mein Studio in keiner der fünf auf, heißt das nicht „nie“, sondern nur: wahrscheinlich in weniger als etwa 43 Prozent der Fälle. Null Treffer, und trotzdem könnten es in Wahrheit gut zwei von fünf Antworten sein. Taucht es in allen fünf auf, liegt der Anteil wahrscheinlich über etwa 57 Prozent, aber nicht sicher bei hundert. Zwei von fünf und drei von fünf lassen sich praktisch gar nicht unterscheiden. Die Rechnung dahinter heißt Wilson-Intervall, und sie ist dafür gemacht, bei kleinen Zahlen nicht mehr Sicherheit vorzutäuschen, als da ist. Deshalb schreibe ich später „zwei von fünf“ und nie „40 Prozent“, und zwischen den beiden Terminen gilt nur ein fast vollständiger Umschwung als mehr als Zufall.
Gezählt wird, ob eine Antwort mein Studio nennt, ob sie auf meine Website verlinkt, ob sie die Seite als Quelle für eine bestimmte Aussage angibt, die dort auch tatsächlich steht, und ob stimmt, was sie über mich erzählt. Richtig ist dabei nur, was sich mit Angaben deckt, die ich vorher in einer Faktendatei bestätigt habe; was dort fehlt, bleibt offen, statt geraten zu werden. Kommt keine Antwort oder zeigt Google an diesem Tag gar keine KI-Übersicht, wird das eigens vermerkt und nicht als „nicht genannt“ gezählt.
Was der Versuch nicht leisten kann, gehört genauso dazu. Einen Platz drei in der KI-Suche wird es hinterher nicht zu melden geben, ebenso wenig einen Marktanteil oder eine Aussage darüber, ob deshalb jemand anfragt. Versprechen kann ich auf dieser Grundlage niemandem etwas, mir selbst eingeschlossen. Nennt eine Antwort Kolleginnen und Kollegen, zähle ich sie mit, nenne sie hier aber nicht. Und die Ergebnisse erscheinen auch dann, wenn ich darin nicht vorkomme.
Folge 2 erscheint nach dem ersten Messtermin. Bis dahin weiß ich über mein Studio und die KI-Suche ungefähr so viel, wie die Antworten vom Juli hergeben.