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Notiz · 27. Oktober 2026

[de]57/26Studio

Zwei Stränge, ein Abgleich. Wie mein digitales Team mit KI recherchiert und wer am Ende entscheidet.

Nummer
J57 / 57/26
Sparte
Studio
Datum
27. Oktober 2026

Zwei Recherchen zur selben Frage, die nichts voneinander wussten, und danach ein Abgleich am Original. Jede hat bei der anderen etwas gefunden. Was davon nach draußen geht, entscheide ich.

Zwei Zeugen statt einem

Eine KI, die recherchiert, liefert Antworten, die sicher klingen, ob sie stimmen oder nicht. Lasse ich dieselbe KI ihre Antwort prüfen, frage ich im Grunde denselben Zeugen ein zweites Mal, und ein Zeuge, den man zweimal fragt, kommt selten zu einer anderen Aussage.

Das Regelwerk, nach dem in meinem Studio recherchiert wird, sieht für wichtige Fragen eine zweite, unabhängige Recherche vor. Bei der Recherche zur KI-Suche, aus der diese Reihe entsteht, liefen am 27. Oktober 2026 also zwei Stränge nebeneinander, und keiner wusste, was der andere fand. Im ersten hat mein digitales Team die Originalquellen selbst geöffnet, also Pressemitteilungen, Studienberichte und Forschungsarbeiten. Dafür reichten frei verfügbare Werkzeuge: ein Abrufwerkzeug für Webseiten, ein Browser und eine Websuche. Der zweite lief über Perplexity, einen kostenpflichtigen Recherchedienst, den ich dafür eigens freigegeben habe. Er bekam sechs Forschungsaufträge im Wortlaut und keinen Blick auf den ersten Strang. Verglichen haben wir erst, als die Ergebnisse des jeweiligen Teils vorlagen. Die wichtigen Abweichungen haben wir dann am Original nachgeschlagen, einige Fragen blieben offen.

Mir ging es um ein noch besseres Gesamtbild, eines, das nicht einseitig eingefärbt ist.

Am Ende standen 127 Quellen im Register. Die Hauptlinie war in beiden Strängen dieselbe: Die Studien messen, was Menschen sich beim Einkaufen mit KI vorstellen und wobei sie sich helfen lassen. Dass eine KI selbstständig einkauft, misst keine. Aufschlussreicher waren die Stellen, an denen die Stränge auseinanderliefen.

Wer wen korrigiert hat

Der erste Strang hatte vier Werte aus einer Befragung der Agentur Ketchum, 49, 45, 44 und 42 Prozent, allen KI-Nutzenden zugeordnet. Über Perplexity kam eine Infografik vom März 2026 dazu, die als Basis für genau diese Werte nur Personen nennt, die KI für Kaufentscheidungen nutzen. Das ist eine engere Gruppe, und wer die Werte allen KI-Nutzenden zuschreibt, macht aus ihnen mehr, als sie sind. Ketchums eigene Unterlagen nennen für manche Zahlen unterschiedliche Bezugsgruppen, umso wertvoller war der Hinweis. Ebenfalls über Perplexity kam eine Angabe, die dem ersten Strang bei einer unabhängigen Nachprüfung der GEO-Laborwerte gefehlt hatte: Die drei Verbesserungen, die er dort gefunden hatte, stammen aus einer Auswertung über 54 Fälle.

Umgekehrt zeigte die Prüfung am Original, dass Perplexity genau diese Nachprüfung falsch beschrieben hatte, mit neun Textveränderungen und zwei Sprachmodellen statt zehn Methoden und vier Modellen. Bei einer Feldstudie von Mahe Chen und Nick Koudas schrieb Perplexity einen Datensatz einem kleinen Anbieter aus Architektur, Ingenieurwesen und Bau zu. Er stammt aber von einem Anbieter von Angebots- und Vertriebssoftware für solche Büros. Klein ist der Unterschied nicht, denn gemessen wurden Fragen nach Software und nicht die Suche nach jemandem, der für Architekturbüros arbeitet. Dass die Daten aus einer Plattform der Autoren stammen und das für ein mögliches Anbieterinteresse wichtig ist, hat Perplexity erwähnt. Die Danksagung an einen Anbieter von GEO-Dienstleistungen fehlte aber, obwohl es ausdrücklich angewiesen war, Interessenkonflikte zu kennzeichnen. Und in einer der Quellenlisten standen 15 Adressen von OpenAI, die so nicht funktionieren.

Dann war da noch der Satz, mit dem die Recherche begonnen hatte: „Die KI kauft ein und nicht mehr der Mensch.“ In meinem Rechercheauftrag stand er unter dem Namen eines Kollegen aus derselben Agentur. Der erste Strang fand ihn in der Pressemitteilung von Ketchum, gesagt von Matthias Wesselmann, dem CEO der Agentur in Deutschland. Perplexity nannte keinen Urheber und hat den Fehler damit auch nicht wiederholt. Die Zuordnung haben wir trotzdem noch einmal an der Mitteilung selbst nachgesehen.

Was nicht rund lief

So ordentlich, wie das klingt, lief es nicht. Von den sechs Forschungsaufträgen kam bei Perplexity nur der erste als Tiefenrecherche durch. Vier Läufe brachen nach fünf Minuten ab, weil die Verbindung auf meinem Rechner aufgab, wenn so lange nichts zurückkam. Einer brach sofort ab, weil der Dienst überlastet war, und ein zweiter Anlauf am Nachmittag endete wieder nach fünf Minuten. Ersatzweise lief jeweils eine Recherche auf mittlerer statt hoher Aufwandsstufe, also weniger tief. Gebucht sind alle sechs abgebrochenen Läufe trotzdem, vorsorglich mit je 50 Cent als Schätzwert, weil unklar ist, ob der Anbieter sie berechnet. Echte Kosten standen in keiner Antwort.

Auch die Prüfung hat ihre Grenze. Das Werkzeug, mit dem wir die meisten Quellen gelesen haben, liest Webseiten selbst wieder über ein Sprachmodell. Wort für Wort am Rohtext geprüft sind nur einzelne Quellen, und welche das sind, steht in den Projektakten.

Am Schluss hat die Belegprüferin aus meinem digitalen Team die Textentwürfe gegen die Quellen gelesen, ohne den Weg dorthin zu kennen. Widerlegt fand sie nichts. Genauer werden musste trotzdem einiges, etwa bei der Frage, wen eine Befragung eigentlich gemeint hatte.

Wer entscheidet

Welcher der beiden Stränge besser recherchiert, lässt sich aus einem Tag nicht ablesen, und darum ging es auch nicht. Jeder hat beim anderen etwas gefunden, das ohne den Abgleich stehen geblieben wäre. Das digitale Team ersetzt dabei keinen Menschen, es macht zwei Blickrichtungen auf dieselbe Frage möglich.

Freigegeben hatte ich den zweiten Strang mit einem Satz: „Das darf ruhig was kosten.“

Was davon in diesem Journal erscheint, lese ich vorher und gebe es frei.

Was aus dieser Recherche folgt, prüfe ich jetzt an meinem eigenen Studio, in einem Selbstversuch, der im Digital Garden in Folgen wächst. Die erste Folge erzählt, wie er aufgebaut ist.

Den Selbstversuch im Magazin lesen →

Quellen

Alle abgerufen am 27.10.2026.

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